Am 24. Februar 2026
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Herz oder Kopf

Mit zwei kleinen Strichen hatte das Glück in ihrer Familie Einzug gefunden. Ihr Mann war überglücklich gewesen, als Fiona ihm den Schwangerschaftstest zeigte, bevor sie sich in die Arme fielen. „Wir müssen deine Mutter anrufen, jetzt gleich!“, hatte sie gesagt, und sie hatte recht gehabt: Auch die betagte, aber durchaus fitte Rentnerin Maria hatte sich über alle Maßen gefreut. „Das ist… Das ist der zweitschönste Tag in meinem Leben. Gleich nach…“
Natürlich. Kein Erlebnis vermochte über der Geburt des eigenen Sohnes zu stehen. Der Tag, an dem Maria zur Mutter geworden war.
Nach dem Telefonat hatten sie sich zum gemeinsamen Essen verabredet. Die anstehende Geburt wollte gebührend gefeiert werden, und zwar noch, bevor die Vorbereitungen für den Neuankömmling die vollen Kapazitäten der kleinen Familie bündeln würden. „Gleich am Wochenende“, hatte Maria vorgeschlagen. „Ich komme zu euch. Zum Brunch, am Sonntag um zehn.“
„Aber Maria“, hatte Fiona eingewendet, als hätte sie den Lauf des Unheils wittern können. „Es soll schneien und in der Nacht hat es unter null Grad. Wir fahren zu dir, dann musst du dich nicht bei dem Wetter ins Auto setzen. Okay?“
Doch ihre Schwiegermutter hatte nicht mit sich reden lassen. „Nichts da. Spart euch eure Kraft für die nächsten Monate auf. Ich komme zu euch und damit…“
Wer Maria gekannt hatte, der wusste, dass diese Frau nicht mit sich reden ließ, wenn sie sich zu etwas entschlossen hatte. Hätte sie es damals bloß getan, dann…

„Schwerer Autounfall. Patientin bewusstlos. Hirnschaden.“
Die Stimme von Dr. Shivan klang wie eine Banddurchsage. Motorisch legte er die Worte eins nach dem anderen aufs Fließband, das sie aus seinem Mund in den langen Korridor beförderte, über den die Ärzte in die Notaufnahme gelangten. „Kein Kontakt zur Familie. Keine Patientenverfügung. Lebenserhaltende Maßnahmen laufen“, fuhr er fort, wie als würde er die Fakten eines Rennboots aus einem Trumpf-Spiel herunterrattern. „Ich brauche eine zweite Meinung. Schau sie dir an und sag mir…“
Fiona war erfahren. Nach zwanzig Jahren im Krankenhaus, viele davon an vorderster Front der Notaufnahme, wusste sie genau, einen Hirnschaden von einem Gerätefehler zu unterscheiden. Und das, was sie mit Entsetzen auf dem Monitor ihrer Schwiegermutter sah, war kaum mehr als das letzte Flimmern, das bleibt, wenn der Körper nur noch tut, wozu ihn Beatmungsgerät und die Apparatur zwingen, die das Herz-Kreislauf-System stabilisiert.
Sie wusste, dass es das Richtige wäre, dem letzten Willen zu folgen, den Maria in Form einer Patientenverfügung hinterlassen hatte. Doch jetzt, als es an ihr lag, konnte sie es nicht: Wenn es einen Gott gab, dann musste es ein grausamer sein. Denn er hatte dafür gesorgt, dass ausgerechnet sie als behandelnde Ärztin Dienst hatte, als Maria eingeliefert und mit dem schweren Hirnschaden diagnostiziert wurde.

Als sie zusammen darüber gesprochen hatten, da war es für sie und ihren Mann ganz klar gewesen: Im Fall der Fälle, der mit zunehmendem Alter auch wahrscheinlicher wurde, wäre es das Beste, auf die medizinischen Profis zu hören. Konkret hätte das bedeutet: lebenserhaltende Maßnahmen nach dem fachlichen Urteil zweier Ärzte, darauf ausgelegt, einen Kompromiss zwischen leidvollem Weiterleben und würdevollem Abgang zu finden. In den meisten Fällen war die Lage ohnehin eindeutig.
Koma: Meistens gibt es gute Behandlungsstrategien. Vegetativer Zustand: Könnte man auch vegetarischen Zustand nennen, weil vom Gehirn des Patienten nicht viel mehr als Gemüse übrig bleibt. Und während ein Medizinstudium zu einer fundierten Entscheidung befähigt, können die meisten Patienten kaum einschätzen, was in welchem Fall zu tun ist. Warum sollte man dann überhaupt eine Patientenverfügung hinterlassen?
Aber ihre Schwiegermutter war schon immer störrisch gewesen. Wahrscheinlich war sie nie darüber hinweggekommen, als sie die Entscheidung für ihren eigenen Gatten hatte treffen müssen. Für Fiona war natürlich klar gewesen, dass das Abschalten der Maschinen die einzig sinnvolle Option war, und zudem bei erfolgreicher Organtransplantation noch mehrere Leben retten konnte. Maria aber hatte nie aufgehört, sich schuldig zu fühlen, nachdem sie das Sterbedatum auf dem Grabstein ihres Mannes gewählt hatte. Wer will das schon?

Es kommt nicht selten vor, dass Patienten ohne konkrete Patientenverfügung im Krankenhaus an der Schwelle zwischen Leben und Tod kämpfen. Fiona war Ärztin, sie kannte das. Es war Teil ihres Berufs und längst war daraus eine Routine geworden. Die Tragweite ihrer Entscheidungen traf sie kaum noch, denn schon im Studium, als sie ein Praktikum in einem Altenheim absolviert hatte, musste sie lernen: Zur richtigen Behandlung gehört es, im Zweifelsfall lieber mit der falschen Entscheidung zu leben, als gar keine zu treffen. Menschen werden geboren, Menschen sterben. Beides ist Alltag im Krankenhaus und beides ist wichtig, weil es Teil des Menschlichen ist.
Wir dienen unseren Patienten, dachte sie, und wir müssen den Wunsch unserer Patienten respektieren. Wer nicht behandelt werden will, der darf auch nicht gegen seinen Willen behandelt werden. Dazu verpflichtet uns nicht nur der hippokratische Eid, sondern auch unsere Geschichte, in der dieser Grundsatz gerade in den dunkelsten Jahren nicht gegolten hatte.
Wer sterben will, darf sterben. Zumindest dann, wenn eine Krankheit oder der medizinische Zustand die Auslöser dafür sind.
Aber wenn die eigene Schwiegermutter von dir verlangt, sie sterben zu lassen, dann ist der hippokratische Eid nicht mehr wert als das Desinfektionspapier, mit dem man der dauerblutenden Patientin auf Station 2 den Arsch abwischt.

Die Überlebenswahrscheinlichkeit bei einem permanenten Hirnschaden liegt, bei guter Behandlung, weit jenseits der 90%. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient seine vollen, kognitiven Fähigkeiten zurückerlangt, ist gering, je nach Schwere der Verletzungen aber nicht ausgeschlossen. Und die Patienten, die sie auf der Neurologie – Stationen 14a und b – behandelten, zeigten oft gute Fortschritte, von der Ansprechbarkeit bis hin zum fast kompletten Wiedererhalt der eigenen Sprache. Warum also sollte man da aus medizinischer Sicht die Behandlung aufgeben?
Weil die Patientin es will, durchfuhr es sie. Weil deine Schwiegermutter sich dafür entschieden hat. Weil ihr Wille wichtiger ist, als deine medizinische Ausbildung. Weil du hier bist, um für Menschen einzustehen. Und weil du akzeptieren musst, dass der freie Wille etwas ist, was deine Patienten erst zu Menschen macht.
Aber es fühlt sich falsch an, dachte sie. Es wäre ein Leichtes, die Patientenverfügung verschwinden zu lassen. Niemand müsste davon erfahren, dass ihre Schwiegermutter eine Behandlung abgelehnt hätte. Und würde Maria sie überhaupt dafür verurteilen, wenn sie schließlich erwachen würde, um ihren eigenen Enkel zu sehen, den sie sich so sehnlichst gewünscht hätte?
Sie rieb ihren Bauch, an dem bald die ersten Rundungen zu sehen sein würden. Wenigstens ein halbes Jahr, dachte sie. Damit mein Sohn seine Großmutter zu Gesicht bekommt.
Aber sie hatte keine fünf Monate, um diese Entscheidung zu treffen. Es ging um das Jetzt. Leben verlängern oder den Willen ihrer Schwiegermutter ehren.
Sie dachte an die vielen, gemeinsamen Momente. Die gemeinsamen Reisen, die stets wunderschön gewesen waren, aber auch an die Streits, die stets damit geendet hatten, dass sie aufeinander hatten zugehen können, um sich am Ende doch in den Arm zu nehmen. Sie dachte daran, was ihr Mann sagen würde, wenn sie ihm berichtete, dass sie gegen die Patientenverfügung seiner Mutter entschieden und ihr Leben gerettet hatte. Würde er es gutheißen? Oder würde er sie dafür verurteilen? Es wäre das Beste, er würde es nie erfahren.
Egal, welche Entscheidung sie traf, er durfte es niemals erfahren. Nur sie würde mit dem schweren Schicksal leben müssen; das erste Mal, dass sie über das Leben einer Patientin entschied, die ihr nicht nur wichtig war, sondern die sie liebte, als wäre es ihre eigene Mutter.

Das durfte nicht sein, und das wusste sie. Und obwohl sie nie aufhören würde, sich die bohrenden Fragen zu stellen — was wäre, wenn sie das Leben verlängert hätte? Was wäre, wenn am Ende alles gut gewesen wäre? Was wäre aus ihrem Sohn geworden, wenn sie ihm die Chance gegeben hätte, seine Großmutter kennenzulernen? Diese Fragen würden sie bis an ihr Lebensende begleiten.

Dr. Shivan tätschelte ihr versöhnlich die Schulter. „Unser Beruf ist oft nicht leicht“, sagte er zu Fiona. „Wir treffen Entscheidungen, die uns begleiten. Manchmal für immer.“
Sie nickte. „Wenn doch bloß… Wenn doch bloß mehr Menschen diese Entscheidungen für sich treffen würden, dann…“
„Ja“, antwortete der übermüdete Arzt, dessen Kittel nach Schweiß und Desinfektionsmittel roch. „Dann wäre unser Job einfacher. Aber dafür sind wir doch nicht Ärzte geworden, oder?“


Dieser Text entstand im Rahmen einer Schreibgruppe der Kreativen Schreibwerkstatt des Text-Collective.

In der Schreibwerkstatt schreiben Menschen, die Lust am Schreiben haben, in (bedingt) angeleiteten Sessions, bevor sie ihre Ergebnisse austauschen. In dieser Gruppe ging es um das Thema „Herz oder Kopf“, also das Zusammenspiel von emotionalen und rationalen Faktoren bei Dilemmata.